Germanistik
Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen
2018, Band 59 Heft 3-4, S.975, Helmut Koopmann, Augsburg

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Im Oktober 1914 hatte Franz Werfel die Krankenschwester Gertrud Spirk kennengelernt, und es begann eine leidenschaftliche Affäre. W., im Kriegsdurcheinander an allen möglichen Orten stationiert, schrieb ihr über 350 Briefe und Karten. Es waren leidenschaftliche Liebesbekundungen – aber man erfährt trotz W.s manchmal ekstatischer Wortkaskaden wenig über seine Geliebte, um so mehr über W. selbst, seine inneren Turbulenzen und politischen Wandlungen vom Bohemien bis zu seiner Nähe zur „Roten Garde" und seinem Satz: „Ich bin in der Tat meinem Programm nach Bolschewik". Im Sommer 1918 war jedoch Schluss: Alma Mahler war in sein Leben getreten. Reue kannte W. nicht und schrieb an Gertrud Spirk: „Dass nicht alles so kommt, wie wir es phantasiert haben, erfüllt mit keinem Schuldgefühl [...]. Ich bin eine Bewegung aber Niemandes Besitz". Für W. war seine „Heilige Elisabeth", die durchaus auch Diskussionspartnerin und Ratgeberin war und die ihm half, im Kriegsinferno nicht unterzugehen, bald vergessen – aber in W.s Gerichtstag, in Barbara oder die Frömmigkeit und in seinem Stern der Ungeborenen spiegelt sich manches aus dieser Zeit seiner (auch amourösen) Verwirrungen.

Das umfangreiche Nachwort zu den sorgfältig edierten Texten bietet einen ausgezeichneten Kommentar zu dieser Liebesaffäre, aber auch W.s Umkreis wird gut sichtbar: Arthur Schnitzler, Robert Musil, Egon Erwin Kisch, Franz Kafka und andere (etwa Alban Berg) erscheinen im Hintergrund, seine Fehde mit Karl Kraus wird ausführlich dargestellt, zudem W.s Vermittlerrolle zwischen Deutschen und Tschechen. Der „Kommentar" bietet ebenfalls weit mehr als das Übliche.