LOS! LASSEN SIE UNS LITERARISCH REISEN!
Jänner 2025, Univ.Prof. em. Dr. Wynfrid Kriegleder

Home Back

Elisabeth Buxbaum schreibt gern Bücher über Literatur bzw. Literaten, und sie zeigt gern als Reiseleiterin anderen Menschen sehenswerte Orte. Diese beiden Leidenschaften verbindet sie in der Buchreihe „Reisen & Literatur von A–Z“, eine auf 13 Bände konzipierte Serie von schmalen Bänden, in denen interessante Gegenden und mit diesen Örtlichkeiten verbundene Schriftsteller oder Texte vorgestellt werden. Das alles geschieht in einer höchst lesenswerten Prosa, die (literar-)historisches Wissen mit Selbsterlebtem verknüpft, in ansprechenden kleinen Büchern mit vielen Illustrationen, die man durchaus als Reiseführer im Rucksack mit sich tragen könnte, wenn man selbst die entsprechenden Lokalitäten besucht. Denn Lust auf Reisen und Lust aufs Lesen machen die Bände allemal.

Worum geht es?

Der erste Band, A–B, erzählt von einer Schiffsreise in die Antarktis im Jahr 2017, verbunden mit einer satirischen Schilderung einzelner Reiseteilnehmer und mit selbstkritischen Reflexionen auf die Tourismusindustrie überhaupt. Der literarische Prätext ist Sebastian Brants Narrenschiff von 1494, der erste deutschsprachige Bestseller seit der Erfindung des Buchdrucks. Die Antarktisreise nimmt ein unerwartetes Ende, das hier nicht verraten werden soll. Im zweiten Teil des Buchs geht es um die galizische, heute ukrainische Stadt Brody. Dort besucht Elisabeth Buxbaum das noch erhaltenen Gymnasium, die Schule, in der Joseph Roth 1913 seine Matura abgelegt hat, ehe er 1914 zu Studium nach Wien ging und seine Karriere als Journalist und Schriftsteller begann.

Unter dem Motto „Die Zertrümmerung der Welt“ steht der zweite Band, C–D. Die Autorin erzählt von einer Reise nach Christchurch, Neuseeland, bei der sich ihre Reisegruppe nur infolge einer unvorhergesehenen Änderung des Reiseplans am 22. Februar 2011 um 12.51 nicht in der Kathedrale aufhielt, die zu diesem Zweitpunkt infolge eines schweren Erdbebens einstürzte. Das Beben, das beinahe zweihundert Todesopfer kostete, gibt die Buxbaum zum Teil in den Worten des neuseeländischen Schriftstellers Lloyd Jones wieder, der wenige Jahre später darüber ein Buch schrieb; vor allem aber verknüpft sie es mit dem berühmten Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, das bis zu 100.000 Opfer gefordert haben könnte und den Optimismus des aufgeklärten 18. Jahrhunderts schwer erschütterte, was sich vor allem in literarischen Texten Voltaires niederschlug. Ähnlich tragisch ist die Zerstörung Dresdens in einem Bombenangriff am 13. Februar 1945, jener Stadt, in der Erich Kästner 1899 geboren wurde. Um Kästners enge Beziehung zu seiner Geburtsstadt – und zu seiner Mutter – geht es im zweiten Kapitel, das auch an die vergeblichen Warnungen des Lyrikers Kästner vor der Politik der Nationalsozialisten erinnert, die zur fast völligen Zerstörung des barocken „Elbflorenz“ führen sollte.

Der dritte Band, E–F, widmet sich unter dem Motto „Zu Hause in der Fremde“ Edinburgh und Frankreich. 2022 reiste Buxbaum nach Schottland, auf den Spuren Theodor Fontanes, der seinerseits 1858 von London aus, wo er schon seit mehreren Jahren lebte, Schottland auf den Spuren seines großen Vorbilds Walter Scott besucht hatte. Mit Fontanes Reisebericht im Gepäck klappert die Autorin die Sehenswürdigkeiten in und rund um Edinburgh ab. In Frankreich, genauer, in Paris und seiner unmittelbaren Umgebung, folgt sie dagegen den Spuren Heinrich Heines und sucht all seine Wohnorte auf, von seiner ersten Adresse im Hotel de Luxembourg bis zur „Matratzengruft“ seiner letzten Lebensjahre und zu seinem Grab auf dem Cimetière de Montmartre. Viele Textpassagen Heines lassen sein Pariser Leben vor unseren Augen entstehen.

In Band 4, G–H werden wir zuerst nach Griechenland geführt, das der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann 1907 bereiste. Mit Hauptmanns Reisebericht Griechischer Frühling konfrontiert Buxbaum witzig ihre eigenen Erlebnisse, als sie mit ihrer Truppe 2023 auf den Spuren des Literaturnobelpreisträgers wandelt. „H“ führt uns nach Hollywood und zeichnet in fiktiven und manchmal auch authentischen kurzen Ich-Erzählungen verschiedener Akteure die Flucht Franz Werfels von Wien über Südfrankreich und Spanien in die USA nach, wo er sich in Hollywood niederließ.

Die Buchreihe verknüpft, wie gesagt, Reiserzählungen mit literarhistorischen Informationen. Auf die weiteren Bände können wir uns freuen.