
Der Name Joseph Schreyvogel steht symbolisch für die kulturelle Wende von der josefinischen
zur franziszeischen Ära in Österreich; er steht somit an jener historischen Schwelle, die
von der Französischen Revolution bis zum Untergang Napoleons reicht. Diese kulturelle
Entwicklung, die sich im deutschen Kulturraum mit den Namen Goethe, Beethoven und Schubert
verbindet, bestimmte Schreyvogel, von seinem historischen Platz aus, entscheidend mit.
Das alte Wiener Hofburgtheater ist mit dem Namen Joseph Schreyvogel untrennbar verbunden:
Insgesamt 20 Jahre seines Lebens widmete er sich als Hoftheatersekretär dieser Institution.
Er führte das Wiener Theater an Goethes und Schillers Leistungen heran; er öffnete es der
europäischen Dramatik, aus der er Calderóns Dramen – literarhistorisch wegweisend – in
vorbildlichen Übersetzungen erschloss; er verhalf Franz Grillparzer zum Durchbruch als
Dramatiker.
Schreyvogel war stolz auf die Leistungen der österreichischen Aufklärung
des 18. Jahrhunderts. Dort lagen seine Wurzeln; er verteidigte sie gegen jedermann. So
zog er in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Das Sonntagsblatt" gegen die deutschen
Romantiker literarisch zu Felde – im Namen der guten alten österreichischen Tradition in
Wissenschaft und Kunst.
Alles das wüßte man. Es gehört bereits zum lexikalischen Allgemeinbesitz
kulturgeschichtlicher Bildung. Joseph Schreyvogels Name war legendär geworden für die
Wandlung von der Aufklärungs- zur Biedermeierzeit. Wie nun ein solcher epochaler Wandel an
einem der wichtigsten geistigen Repräsentanten des alten Österreichs vor sich ging, zeigt
und dokumentiert dieses Buch. Es erschließt viele bisher unbekannt gebliebene biographische
und andere zeitgeschichtliche Quellen. Es charakterisiert die literarische Leistung eines
Mannes, der – ähnlich Schiller vor und Beethoven neben ihm – die geistig-seelische Last
einer schweren Zeit mit einer ethischen Haltung ertrug, die ihm der Idealismus Immanuel
Kants gewährte.
Die vorliegende Arbeit ist ein wichtiger Baustein zur österreichischen
Literaturgeschichte. Möge sie das Leser-Echo finden, das ihr gebührt.
Herbert
Zeman; Wien, im Mai 1995